
Mit den Helden aus Janoschs Kinderbuchkosmos lernte ich, dass man sich für das Faulenzen nicht zu schämen braucht. Dank dem kleinen Tiger und dem Bären begriff ich, dass für ein Paradies ein bisschen Brennholz und Gemüseknollen ausreichen.
Die Kinderbücher von Janosch haben Generationen von Kindern vermittelt, was Menschlichkeit ausmacht. Janosch predigte Werte wie Freundschaft, Genügsamkeit und Fürsorge nicht, er erzählte sie. Wer hat sich als krankes Kind nicht von der Geschichte über den kranken Tiger getröstet gefühlt, der von seinem Freund, dem Bären, gesund gepflegt wird? Wer hat nicht mit dem Onkel Poppoff das Fliegen gelernt?
Mit 47 Jahren gelang Janosch 1978 mit dem Kinderbuchklassiker «Oh, wie schön ist Panama» der Durchbruch. Seine Helden, der kleine Tiger und der Bär, suchen darin das verheissungsvolle Land Panama. Aber eigentlich finden sie auf ihrer Reise etwas Wertvolleres: Die Erkenntnis, dass das Paradies immer da ist, wo man schon ist.
Schwere Kindheit in Oberschlesien
Auf dem Klappentext eines heutigen Ratgebers wäre das purer Kitsch. Nicht so beim 1931 als Horst Eckert in Oberschlesien geborenen Janosch. Dort, wo seine Kindheit war, war kein Paradies: Janosch litt schon als kleiner Junge an einem Herzfehler, war oft krank. Alkoholmissbrauch, Prügel und Vernachlässigung gehörten zu den Routinen des familiären Alltags. Über seine ersten Lebensjahre hat er einmal gesagt, sie seien die «totale Zerstörung» seiner Person gewesen.
Sein persönliches Panama fand er später, auf der Ferieninsel Teneriffa, auf die er sich 1980 nach dem Erfolg zurückzog, um dort ein bescheidenes Leben zu führen. Da war Janosch schon eine Marke, seine Tigerente ein Merchandising-Objekt. Dem strafenden Katholizismus seiner Kindheit kehrte er schon früher den Rücken. Zeitweise nannte er sich einen Buddhisten.
Auch Erwachsenen spendete Janosch Trost – mit einem Optimismus, der nie ganz naiv war. Unvergessen sind seine zwischen 2013 und 2019 erschienenen rund 300 Bildkolumnen für das «Zeit Magazin», in denen seine eigens dafür erfundene Kunstfigur, sein Alter Ego Wondrak, wichtige und weniger wichtige Lebensfragen in zwei, drei Sätzen abhandelte.
Verarbeitet hat Janosch seine schwierige Jugend im autobiografisch geprägten Erwachsenenroman «Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm». Beim Schreiben seiner Bücher konsumierte er grosse Mengen Alkohol, um die inneren Dämonen der Kindheit wegzudrängen. Später sagte er, Yoga habe ihm geholfen, Abstand zu diesen Erinnerungen zu gewinnen. In der 2016 von der polnischen Germanistin Angela Bajorek verfassten Biografie mit dem Janosch-Leitspruch «Wer fast nichts braucht, hat alles» steht der Satz: «Ich suchte immer alles das, weil es in meiner Familie nicht vorkam, wie einen Rettungsring.»
Diese Erfahrungen machten ihn zeitlebens zu einem friedlichen Anarchisten, der Autoritäten und Dogmen grundsätzlich misstraute. Seine Kinderbücher bevölkern kleine Gemeinschaften, in denen sich Menschen und Tiere auf Augenhöhe begegnen.
Eine krumme Idylle mit Charme
Sein literarisches Vermächtnis ist demzufolge zu verstehen als eine krumme Idylle mit Charme, notdürftig mit rostigen Nägeln zusammengezimmert von einem, der sie selbst so dringend brauchte wie Nahrung. Diese Nahrung geht einem beim Lesen seiner Bücher auch ganz konkret durch den Magen. Da gibts Gänseleber, Kartoffeln, geschmorte Pilze, Waldbeerenkompott, verspeist mit ganz viel Genuss. Noch heute läuft mir beim Gedanken an die vom kleinen Tiger erbettelte Lieblingsspeise «Springforelle mit Mandelkernsosse, Kartöffelchen und Semmelbröseln» das Wasser im Mund zusammen.
Tatsächlich hat der Hobbykoch Janosch später mit dem «Zeit»-Redakteur Tillmann Prüfer sogar ein Kochbuch veröffentlicht: 2019 erschien «Herr Wondrak kocht so wunderbar» mit Rezepten seiner schlesischen Kindheit. Über sich selbst sagte er gegenüber der «Welt» einmal: «Wenn ich zu essen bekomme (Borschtsch z. B.), ist alles ganz einfach. Und etwas Polkamusik brauche ich auch noch. Geige geht auch. Zigeuner oder Debussy.» Es ist ein versöhnliches Bild aus seinen Tiger- und Bär-Geschichten.
Unverwechselbar waren auch Janoschs Illustrationen. 1953 nahm er ein Studium an der Münchner Akademie der Bildenden Künste auf, musste aber bereits in der Probezeit abbrechen. Jahrzehnte später haben seine Illustrationen Kultstatus. Was wenig bekannt ist: Anfang der Siebzigerjahre zeichnete Janosch für den Zürcher Globi-Verlag die Comicreihe «Die Globeriks» um den Jungen Gliwi und dessen bärenähnlichen Freund Globerik. Die Reihe floppte.
Erfolg oder Misserfolg änderten allerdings nichts an der unverwechselbaren Handschrift des Künstlers. Seine Figuren wirken nie vollendet, die Sehnsucht nach Geborgenheit überträgt sich auch in seiner Bildsprache nie in Kitsch. Und so rührselig sich der kleine Tiger und der Bär manchmal in den Armen liegen mögen: Die Erzählerstimme, die von ihren einfachen Abenteuern berichtet, leistet sich auch mal einen schwarzhumorigen Spruch. Man erkennt ihn Jahrzehnte später als Erwachsene, wenn man Janosch-Geschichten dem noch in der Unschuld der Kindheit steckenden Nachwuchs wieder vorliest.
Nun ist Janosch am Dienstag im Alter von 95 Jahren in seinem persönlichen Panama, auf der Urlaubsinsel Teneriffa, gestorben.
Ob er dem Tod arglos entgegengeblickt hat wie die Gans, die vom schlauen Fuchs mit List an die eigene Beerdigung gelockt wird? Wir wissen es nicht. Von den vielen Worten, die wir hier über ihn verloren haben, hätte er ohnehin nichts gehalten. In einer seiner «Zeit»-Kolumnen schrieb er: «Unsterblich gibt es nur in der Bibel. Jedoch kann man wie Goethe etwa durch das Schreiben ein bisschen unsterblich werden. Das ist aber nur Gefasel. Am Ende sterben wir alle.»
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